# 02. Februar 2015

Warum der Mobile Messenger WeChat in China so erfolgreich ist – Und der Vergleich mit WhatsApp nicht funktioniert

Unternehmen entdecken zunehmend das Marketing-Potenzial von Mobile Messengern. So werden WhatsApp und seine neue Desktopversion aktuell in den Medien heiß diskutiert. Der Hype ist auch deshalb so groß, da es in China (zunehmend auch in Ostasien und Afrika), einen Messenger gibt, der bezüglich Wachstum und Verbreitung alle anderen in den Schatten stellt. Die Rede ist von WeChat. Gerne wird gemunkelt, dass WhatsApp drauf und dran ist, zum WeChat des Westens zu werden – Vergleiche der beiden Messenger gibt es zuhauf. Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich: WeChat ist grundlegend anders als WhatsApp und hat seine marktbeherrschende Stellung Eigenschaften zu verdanken, die speziell für den chinesischen Markt konzipiert sind. Im Westen wäre ein vergleichbarer Aufstieg nicht möglich. Ein Vergleich der beiden Messenger funktioniert also nicht. Dazu gleich mehr.

Zunächst hier die beiden Messenger im Überblick.

Die Gemeinsamkeiten:

WhatsApp und WeChat bedienen sich beide der Kontakte im Adressbuch des jeweiligen Nutzers: Jeder User ist einer Handynummer zugeordnet. Es lassen sich Nachrichten, Foto-, Audio-, und Videodateien, Kontakte sowie Standortdaten verschicken. Auch Gruppen-Chats und Broadcast-Nachrichten sind in beiden Messengern möglich. Sprachnachrichten werden ebenso von beiden Apps unterstützt. Eine kostenfreie Anruffunktion (VoIP), die es bei WeChat seit Beginn an gab, wird in WhatsApp derzeit eingeführt. Beide Chat-Clients gibt es in abgespeckter Version auch für den Desktop, die Anmeldung hierfür erfolgt per QR-Code.

Die Unterschiede:

 

WhatsApp

WeChat
  • 700 Mio. aktive Nutzer weltweit (Dez. 2014)
  • Gebühr: 0,89 Euro alle zwölf Monate
  • Keine Unternehmensprofile
  • Keine Video-Anrufe
  • Weniger sicher/privat: Keine Kontaktanfrage für Empfangen von Nachrichten nötig
  • Chats in der Regel nur mit anderen bekannten WhatsApp-Accounts
  • Kein Netzwerk-Charakter
  • Kein Austausch der Kontaktdaten per QR-Code
  • Unterstützt nur Smileys, keine Stickers

 

 

  • 468 Mio. aktive Nutzer weltweit (Dez. 2014)
  • Gebührenfrei
  • Unternehmensprofile
  • Video-Anrufe
  • Sicherer/privater: Kontaktanfrage für Empfangen von Nachrichten nötig
  • Anregung zu Chats mit fremden Accounts: Features „Schütteln“/ „Personen in der Nähe“ erweitern eigenes Netzwerk
  • Netzwerk-Charakter: Kommentare und Likes zu Postings
  • Austausch der Kontaktdaten per QR-Code
  • Unterstützt Smileys + Stickers (meist animiert, teils kostenpflichtig, auch selbst erstellbar)

 

Netzwerk statt Chat-Client

WeChat ist also mehr als WhatsApp. Es ist über die Chat-Client-Funktion hinaus ein Netzwerk, das den Austausch mit fremden Menschen fördert. Unternehmen können bei WeChat zwischen zwei Arten von Profilen wählen: Subscription Accounts (User folgt Unternehmen und erhält Nachrichten) oder Service Accounts (User schreibt Unternehmen, dieses hat 48 Stunden Zeit für seine Antwort, dann bricht der Kontakt ab). Darüber hinaus gehört eine beliebte bargeldlose Bezahlfunktion zur Anwendung. Viele WeChatter nutzen weniger die traditionellen Textnachrichten, sondern mehr die Audio- oder Videonachrichten sowie die Push-to-talk-Funktion, die wie ein Walkie-Talkie funktioniert.

Warum der Mobile Messenger #WeChat in China so erfolgreich ist – Und der Vergleich mit #WhatsApp nicht funktioniert

Audio, Video, Push-to-talk: Für Chinesen von zentraler Bedeutung

Während die Funktion der Sprachnachrichten in WhatsApp häufig übersehen oder als Zusatzfeature betrachtet wird, ist sie für die chinesischen WeChat-Nutzer zentral und sehr hilfreich, genauso wie die Push-to-talk-Funktion, wie Rui Ma aus China beschreibt. Denn Sprechen ist für Chinesen um einiges leichter als tippen. Unsere QWERTZ-Tastatur, die Tatstatur für Lateinschrift, ist nicht für die chinesische Sprache optimiert. Es gibt laut Rui Ma zwar weit verbreitete Eingabemethoden, die das Tippen der chinesischen Schriftzeichen erleichtern, jedoch nicht weitreichend genug. In den meisten Fällen tippen Chinesen zuerst die Aussprache eines Wortes und wählen anschließend das passende Schriftzeichen. Die vielen verschiedenen chinesischen Dialekte erschweren diesen Vorgang. Auch Abkürzungen, die im Englischen das Tippen erleichtern – wie zum Beispiel LOL, OMG, ASAP – gibt es laut Rui Ma in der chinesischen Sprache nicht wirklich. Zudem würden Chinesen häufig ins Englische oder eine andere Zweitsprache wechseln – zu allem komme also noch der Wechsel der Tastatur bzw. Eingabemethode. Hat der Chinese also die Wahl, ob tippen oder nicht tippen, entscheidet er sich für Letzteres.

QR-Codes als einfachster Weg

Aus dem selben Grund greift WeChat in einigen seiner Features auf QR-Codes zurück, zum Beispiel beim Hinzufügen von Kontakten oder Betreten von Gruppenchats. Da die chinesische Schrift aus Zeichen statt Buchstaben besteht, tun sich Chinesen häufig schwer damit, lateinische Wörter oder gar Buchstaben korrekt auszusprechen. Per Code-Scan erübrigen sich Ungewissheiten bei der Aussprache und das umständliche Tippen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Chinesen regelrecht QR-Code-verrückt sind, während die Methode im Westen kaum Beachtung findet.

Fazit: Natürliche Kommunikation als Schlüssel zum Social Media Erfolg

WeChat hätte im Westen wohl keinen solchen Erfolg wie in seinem Heimatland, da die speziellen Bedürfnisse seiner User hier nicht vorhanden sind. Genauso würde WhatsApp in China vermutlich nicht weit kommen. Die unzähligen Vergleiche der beiden Messenger hinken. Eines aber wird im Beispiel „Tippen auf Chinesisch“ deutlich: Der User wählt das Medium, das seiner natürlichen Kommunikation am nächsten kommt und deshalb für ihn am einfachsten ist. Im selben Sinn ist es naturgemäßer, persönliche Dinge zu zweit oder in kleinen Gruppen auszutauschen, statt mit einem unüberschaubaren Publikum, darunter häufig auch Fremde. Das bestätigt auch, was wir derzeit im Online Marketing beobachten: Die Social Networks stagnieren während die privaten Messenger immer beliebter werden.

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Stefan Lingner
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