# 09. August 2016

Leancamp: Startup-Methoden, die auch Unternehmen anwenden können

leancamp stuttgart

Beim Leancamp Stuttgart trafen sich Startups und Unternehmen um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Das Programm der Un-Konferenz bestimmten die Teilnehmer selbst: Sie stellten mögliche Themen vor und bekamen dazu sofort Feedback vom Publikum. In diesem Jahr wurden beispielsweise UX Events, “Mindset for Testing”, MVP und agile Games als Sessions gewählt. Wir waren vor Ort, leiteten die Usability-Testing Session und haben die wichtigsten Erkenntnisse der Veranstaltung aus Unternehmenssicht zusammengetragen. Weitere Informationen zu den Zielen und Lektionen der Sessions finden Sie hier.

1. Unternehmen können mit UX Events schnell Feedback sammeln

Das Potenzial neuer Geschäftsmodelle und Produkte lässt sich am einfachsten durch UX (“User Experience”) Testing validieren. Entwickler erhalten dabei direkte Rückmeldung von Anwendern. Das Problem: Tester zu finden ist oft aufwendig und kostet Zeit. Zwischen dem ersten und dem letzten Test liegen oft Monate. Das Produkt entwickelt sich in diesem Zeitraum weiter. Um wertvolles Feedback gebündelt an einem Tag zu erhalten, empfiehlt sich deswegen die Durchführung eines UX Events – entweder wie hier während eines Leancamps oder als firmeneigene Veranstaltung.

Wir leiteten auf dem Leancamp eine 90-minütige UX Session mit 20 Teilnehmern. In diesem Format hatten Startups jeweils 12 Minuten Zeit ihr Produkt testen zu lassen. Dann wechselten die Tester die Station und die nächste Runde begann. Wir nutzten die Session beispielsweise, um Feedback zum LINGNER.COM Corporate Startup startdeck.io einzuholen.

Die Kommunikation ist dabei besonders wichtig. Folgende Regeln entscheiden über den Erfolg: Die Produkt-Teams müssen den Testern eine klare Aufgabe geben und dann aufhören zu sprechen. Nur wenn der Tester redet, kann das Startup Informationen gewinnen. Dabei sollte der Tester nicht zu stark vom Produkt-Team gelenkt werden, sondern seine Gedanken frei aussprechen. Wenn das nicht der Fall ist, muss das Team den Tester ermutigen laut zu denken. Unternehmen könnten UX Events beispielsweise nutzen, um neue Geschäftsideen zu validieren. Dabei sollten sie keine Mitarbeiter oder Freunde einladen, weil das Feedback möglichst unvoreingenommen sein sollte – fremde Personen sind hier besser geeignet.

2. “Mindset for Testing”

Im Marketing lässt sich der Erfolg von Maßnahmen heute genau testen. Der Markt bietet dazu unzählige Tracking-Technologien an. Das Problem: Sie werden von Unternehmen oft nicht ausreichend genutzt. Ein Mentalitätswandel hin zu datenbasiertem Denken und Handeln kann helfen, Fehler zu vermeiden und Geld zu sparen. Unternehmen sollten deshalb diesen Grundsatz verinnerlichen: Jede Annahme über die Performance von Marketing-Maßnahmen ist höchstwahrscheinlich falsch. Nur Daten bilden die Realität ab. Um herauszufinden ob etwas funktioniert, muss es am Markt getestet werden.

Neue Technologien ermöglichen es, kleine Tests durchzuführen, die Hypothesen schnell validieren oder falsifizieren. Mit dem Tool AdEspresso können Unternehmen beispielsweise hunderte Varianten für Facebooks Ads in kürzester Zeit erstellen und testen. Welches Tools man wählt, ist vom jeweiligen Fall abhängig. Wichtig ist dabei, eine test- und experimentierfreudige Mentalität zu etablieren, sich auf echte, valide Daten zu beziehen und Überblick über die zur Verfügung stehenden Tools zu haben.

3. MVP’s sind die Grundlage für UX Events

Die Grundlage, um Hypothesen zu validieren, ist die Erstellung eines MVP. Die Abkürzung “MVP” (Minimum Viable Product) definiert sich als die “minimal funktionsfähige Version eines Produktes”. Doch wie weit geht minimal? Die folgenden zwei Beispiele geben einen Einblick.

Das Startup in diesem Beispiel will Koffer im Internet verkaufen. Um zu überprüfen, ob das Konzept am Markt bestehen kann, entwickeln sie einen MVP. Dazu bauen sie eine Website, die den Eindruck einer E-Commerce-Seite erweckt. Wenn der Besucher allerdings auf “Kaufen” klickt, kommt die Nachricht: “Leider sind unsere Koffer zurzeit nicht auf Lager. Wenn Sie zur Verfügbarkeit Updates erhalten wollen, können Sie hier Ihre E-Mail-Adresse hinterlassen”. Die Website wird mit einem Tracking Code versehen, wodurch die Conversion Rate von Besucher zu Käufer erkennbar ist. Um Besucher zu gewinnen, kauft das Startup Facebook und Google Ads für einen geringen Betrag. Die Hypothese “5 Prozent aller Website-Besucher klicken auf ‘Kaufen’” kann durch diesen MVP validiert werden. Der Aufwand zur Umsetzung der Website liegt bei geschätzten fünf Tagen. Bis die Ergebnisse ausgewertet sind, werden ungefähr zwei Wochen vergehen.

Für ein Startup sind zwei Wochen eine lange Zeit, deswegen versuchen sie im zweiten Beispiel noch fokussierter zu arbeiten. Sie wollen schneller wissen, ob ihre Idee Potenzial hat. Dazu schreiben sie einen Interview-Leitfaden und befragen Passanten. Durch diese Methodik können sie Hypothesen bezüglich grundsätzlicher Kaufbereitschaft validieren. Auf Basis der Ergebnisse kann danach entschieden werden, ob es sich lohnt das Projekt weiter zu verfolgen. Je früher die Entscheidung getroffen werden kann, desto effektiver das Projekt. Das Fazit der MVP-Session auf dem Leancamp lautete: Haltet euch bei der Diskussion über MVP’s nicht mit Definitionen auf, sondern sprecht über Beispiele.

4. “Agile Games” fördern Methodenkompetenz

Die meisten Menschen verstehen Zusammenhänge besser, wenn sie sie persönlich erleben. Die Erfahrungen werden emotional gespeichert und sind deswegen später leichter abrufbar. Deswegen eignen sich Praxis-Spiele um agile Methoden zu lernen. Für das “Jenga Testing Game” werden 36 Bausteine benötigt, die von 1 – 36 durchnummeriert sind. Die Spieler teilen sich in zwei Entwickler und einen Nutzer auf. Die Entwickler bekommen die Aufgabe einen Turm aus den Steinen zu bauen. Der Nutzer besitzt eine Liste mit vier Zahlen, die Fehler im Produkt darstellen.

In der ersten Runde müssen die Entwickler aus den Bausteinen drei zusammenhängende Türme mit einer vorgegebenen Höhe bauen. Wenn sie das Produkt fertig gebaut haben, liest der Nutzer die vier Zahlen vor, die die Entwickler aus dem Turm entfernen müssen. Die Gruppe auf dem Leancamp brauchte ca. 4 Minuten. In der zweiten Runde gab der Nutzer jeweils nach neun verbauten Steinen Feedback. Mit diesem Ansatz benötigten die Entwickler ca. 1 Minute und 30 Sekunden. In der letzten Runde gab der Nutzer nach jedem gebauten Stein Feedback. Die Entwickler schafften so eine Zeit von unter 50 Sekunden, um das Produkt zu bauen.

Auf Produktentwicklung bezogen, kann dieses Spiel den Teilnehmern folgende Lektion vermitteln: Je häufiger Feedback vom Kunden geholt wird, desto schneller wird ein gutes Produkt entstehen.

Leancamp: Zusammenfassung und Empfehlungen

Das Leancamp verfolgt ein Ziel: Den Teilnehmern die Lean Startup Denkweise beizubringen. Durch das Un-Konferenz-Format entstehen anregende Diskussionen. Der Großteil der Teilnehmer konnte die abschließende Frage “Habt ihr eine Sache gelernt, die ihr morgen anwenden könnt?” mit “Ja” beantworten. Wir gehören zu dieser Gruppe und können auch Ihrem Unternehmen empfehlen Leancamps zu besuchen.

Unter den über 120 Teilnehmern waren viele Vertreter aus Industrieunternehmen. Startup-Welt und Mittelstand kommen sich also näher. Das zeigt auch das Feedback aus der IHK-Veranstaltung Startup:Mittelstand. In unserem Blog Artikel über das Event können Sie dazu mehr lesen. Wenn Sie erfahren möchten, wie LINGNER.COM auch Ihrem Unternehmen mit der Lean Startup Methodik vertraut machen kann, besuchen Sie uns gerne auf startup.lingner.com.

Sollten Sie sich für ein Usability Event interessieren – ob als Tester oder Startup – besuchen Sie uns gerne unter lingner.com/lingner-ux-3. Das Event LINGNER.UX #3 wird am 13.09 in Heilbronn stattfinden. Startups und Unternehmen kommen dort zusammen, um innovative Produkte schnell und exklusiv zu testen.

Rückblick Leancamp Stuttgart – Startup Methoden für Unternehmen



Stefan Lingner
Inhaber // Geschäftsleitung
0 71 31 - 642 90 30
Stefan Lingner