# 18. Dezember 2018

Heilbronn – die Stadt am Neckar

Die „Stadt“ am Neckar zwischen Heidelberg und Stuttgart glänzt in erster Linie durch Vorurteile.
Diese möchten wir an dieser Stelle bekräftigen.

Heilbronn ist eine spießige, langweilige Stadt ohne Identität.
Stimmt. So richtig schlimm wird es erst, wenn man die Bewohner kennenlernt. Diese sprechen schwäbisch, verhalten sich schwäbisch, essen schwäbisch, dementieren aber, sie wären Schwaben. Sie behaupten, sie sind Franken! Verrückt. (Die schwäbische Mentalität lässt sich am ersten gesprochenen Wort eines schwäbischen Kleinkinds schnell erahnen: Bausparvertrag).  Identifizieren können sich die Heilbronner mit dem Beklagen über die eigene Stadt oder es wird in vierter Generation der zerbombten Stadt hinterhergetrauert. Daher erklingen noch immer jeden(!) Tag zur Zeit der Luftangriffe 1944 um 19:20 Uhr die Glocken (die abwechselnd fünf Volkslieder spielen) des Hafenmarkturms, der bei genauerem hinsehen nicht nur wie das Überbleibsel einer Kirche wirkt, sondern zusätzlich auch das Eingangstor zum noch verwahrlosteren Teil der Innenstadt markiert. Ein trauriger Anblick. Die Krönung der Verwahrlosung ist das mitten in der Stadt platzierte „Wollhaus“ (bitte nicht googeln). Eine traurige Stadt, ohne Sonne und ohne Lebensfreude. Dafür jedoch mit vielen Autos und einer Topplatzierung unter den Städten mit der dreckigsten Luft.

Dass man in 10 Minuten in der Natur oder den Weinbergen ist und in 10 Minuten in der Stadt alles erreichen kann, dass Heilbronn die Weinstadt Baden-Württembergs ist, es wunderschöne Flecken am Fluss Neckar gibt, Theater, Museen, Bäder, eine aufblühende alternative Kulturszene, die Bundesgartenschau 2019 mit neuem Park und Stadtteil, die Experimenta, den schnell wachsenden Bildungscampus, eine neue Stadtbahn, Feste und Veranstaltungen bis zum Abwinken, kostenlose Kitaplätze, uvm… All dies hört der gemeine Heilbronner äußerst ungern. Und man sollte ihn auch nicht darauf ansprechen, dass Heilbronn unter den Top drei der dynamischsten Städte in Deutschland liegt und reichster Landkreis Deutschlands ist.

Heilbronn ist nichts für Kinder
Abgesehen von kostenlosen Kita-Plätzen, Spielplätze auch in der Fußgängerzone und Parks, Wäldern, dem berühmten (Gaffenberg), tausenden Studenten und familienfreundlicher Gastronomie, ist es wirklich schwierig mit Familie in diese Stadt zu ziehen. Zu allem Übel gibt es Schwimm- und zahlreiche Spaßbäder. Direkt vor der Tür finden sich Freizeitparks wie Tripsdrill, das größte Science Center Europas (Experimenta), das Technikmuseum Sinsheim, die Kletterhalle des DAVs, das Salzbergwerk und kostenlose Museen – eine große Ansammlung kinderfeindlicher Institutionen für Rentner. Gerade das Programm rund um die BUGA 2019, und die danach frei zugänglichen Wasser- und Kletterspielplätze sind nicht zu empfehlen. Selbst wenn der Nachwuchs mal groß ist, bleibt nur der Abstieg. Zum Beispiel in die größte Hochschule Baden Württembergs, der HHN mit drei Standorten, oder ein Studium an der DHBW oder der GGS. Die technische Universität München eröffnet zu allem Unglück auch noch einen Standort.

Heilbronn ist eine prollige, reiche Bonzenstadt
Stimmt, nicht nur Dieter Schwarz (LIDL, KAUFLAND und Co.) hat seinen Milliarden hier vor Ort (und investiert kräftig in den Bildungsstandort Heilbronn), sondern auch all die zugezogenen Menschen, die bei den Konzernen wie AUDI, Bechtle, Bosch, Würth und Co arbeiten. Dazu noch die guten anderen Jobs bei Automobilzulieferern und anderen Weltmarktführern. Umfang der im Bau befindlichen Objekte 2017 in der Stadt: eine Milliarde Euro! Dazu noch diese Arbeitswilligkeit: 3,4% Arbeitslosigkeit 2017 (in der Hohenlohe-Region vor der Tür sogar nur 2,4%): zum Lachen ist das nicht. Dieser Reichtum ist unerträglich. Zum Spaß zählen wir manchmal alte oder kleine Autos unter zwei Litern Hubraum auf der Hauptstraße. Unser Rekord liegt bei sechs Autos an drei Tagen.

Heilbronn hat keine alternative / Subkultur
Wozu auch? Hier kann man sich auch schwäbische Mauldäschle für 12 Euro bei heimischen Trollinger-Lemberger leisten und anschließend ins Theater gehen. Außerdem spielen die Chippendales einmal im Jahr, das Württembergische Kammerorchester ist allzeit bereit und bei Audi kann man Werksführungen buchen. Das Heilbronner Volksfest bietet Spaß und Spiel für jedes Alter und das größte Weinfest „Weindorf“ hält Menschen bei gutem Wein zusammen. Warum mehr? Wer braucht schon Berlin-Shit?

Wozu braucht man dann noch solche Hippster-Straßenzüge wie das Frankfurt-Viertel? Oder Bars wie das Data 7712 oder die das EMMA23, die Poetry Slam-Events, den Kulturkeller, das K2acht, Plan B, eine Jazzbar, das Restaurant Velo oder die Jäkbar mit Galerie? Was soll man schon im Kunstverein, der regelmäßig Vernissagen veranstaltet? Ebenso die Kunsthalle Vogelmann… Und wer will schon ein unabhängiges, journalistisch bereits ausgezeichnetes Stadtmagazin oder zwei Kreativzentren in der Stadt? Kurz gesagt: „Linksgrünversiffte Gutmenschen“ oder „Hippster“ oder „Alles-ist-Kunst aka Joseph Beuys-Menschen“ gibt es zum Glück nicht in Heilbronn.

Heilbronn hat keine Geheimtipps
Zum Glück nicht! Wer will schon alles erst rausfinden wollen? Überraschungen gibt’s zum Geburtstag. Zum Glück gibt es fein-säuberlich geführte Listen und Freizeitplaner die im Rathaus zwischen 7:30 und 15 Uhr abzuholen sind oder die man im Landratsamt für 2,30 € Porto zuschicken lassen kann.

Es gibt ab und zu einen Pop-Up-Store oder Ausstellungen in Off-Locations, aber wer will schon dahin? Eine kleine französische Modeboutique, ein Kaffeehaus zum Staunen, einen Beachclub oder auch eine romantische Lichtung auf dem Berg? Eine Villa im See, zahlreiche versteckte Besen (in andern Gegenden Straußwirtschaften genannt) mit authentischem Flair – es gibt doch auch ordentlich gepflegte Systemgastronomie! Und dann noch solche unwirklichen Orte wie die Inselspitze mit kostenlosen Veranstaltungen… Braucht wirklich kein Mensch. Und verlässt man Heilbronn, stehen da die Burgen im Umkreis…, wir leben doch im 21. Jahrhundert!

Die Lage Heilbronns ist katastrophal
Nur noch die mecklenburgische Seenplatte kann hier mithalten. Vielleicht noch Nowosibirsk. Wohin soll man nur fahren, wenn zwei Autobahnen in wenigen Minuten erreichbar sind? Ins schöne Ludwigsburg (30 Minuten)? Nach Heidelberg oder Stuttgart in jeweils 45 Minuten? Nach Karlsruhe, Würzburg oder Mannheim in 60 Minuten? Nach Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, oder Nürnberg in ca. 1,5 Stunden? Wir wissen es auch nicht. Auf dem Sofa ist’s immer noch am schönsten. Kein Bock auf Autobahn? Die Bad Wimpfener Altstadt, Mosbach, Hohenlohe oder die Löwensteiner Berge liegen direkt vor der Tür, aber dafür müsste man das Haus verlassen und Netflix beenden. Wo schaltet man nochmal Netflix aus? Oh! Die neunte Staffel von…

Resümee:
Wer in einer lebenswerten Stadt seine Zeit verbringen möchte, ist in Heilbronn falsch. Zum Arbeiten ist Heilbronn in jedem Fall eine Zwischenstation wert. Allerdings nur, wenn man wirklich sehr viel arbeitet und sehr viel in den Urlaub fliegt. (Der Flughafen Stuttgart erreichbar in einer Stunde, der Frankfurter in einer Stunde und 15 Minuten)

Solltest du dich dennoch für Heilbronx als Wohnort entscheiden, viel Glück.

Eine sehr differenzierte Linksammlung:

 

 

 



Christopher Bollmann
Senior Berater
Christopher Bollmann