Phänomene sind meist anders, als sie zu sein scheinen: „Inszenierter Relaunch“ der Lingner-Website, lese ich da und reagiere reflexartig: „Wieder so eine unsägliche Wortschöpfung!“ - möglicherweise noch immer zutiefst beeindruckt von einer Provinz-Modenschau, bei der sich eine ebensolche Moderatorin jüngst bemüht sah, dem staunenden Publikum den trostlosen Anblick einer abgeschrabbelten Jeans als „Ge-Used-e Waschung“ zu verkaufen.
(Pre-Washed-Styled mag zwar irgendwann einmal chic gewesen zu sein; heute jedenfalls ist dieser Look nur noch „so was von Out-Of-Ge-Fashion-ed“).
Wie dem auch sei: Ent-Rüstung (und sei es auch nur über sprachliche Entgleisungen) kann immerhin neugierig machen und die Frage aufwerfen, wer hier wem das Händchen geführt hat: Ignoranz einem dilettierenden Marketingadepten oder bewusste Verwirrungstaktik einem ausgebufften Werbestrategen.
„Phänomene sind meist anders, als sie zu sein scheinen“ - sich dieses weisen Ratschlags besinnend, hilft - YouTube sei Dank - ein einziger Klick auf den richtigen Link weiter:
Und siehe da - tiefes Aufatmen des von Berufs wegen zur Fundamentalkritik Verdammten: Quasi in einem ersten Appetithäppchen („Trailer“) lassen sich Kreative hemmungslos in die Karten schauen, sozusagen ‚coram publico‘ die zerschlissenen Hosen runter und reflektieren vor aller Welt ihr verzweifeltes Ringen um die noch bessere Lösung. Praktizierte Transparenz! So viel sei hier schon verraten:
Der Ritter mit der „Eisernen Faust“ zerschlägt den gordischen Knoten einer paralysierenden, weil dem alten Denken verpflichteten, Kreativitätshemmung und nimmt den Kampf auf. Nicht den gegen Windmühlenflügel, sondern den Kampf für einen Weg aus einer - wie auch immer gearteten - Krise. Bilderstürmerisch zwar, letztlich aber absolut konstruktiv.
Und der Trailer zeigt noch mehr: Er zeigt, was kreatives Arbeiten in seiner Substanz wirklich ausmacht: Den Spaß nämlich an harter Arbeit, der dieser Arbeit paradoxerweise die Härte zu nehmen vermag. Szenisch gelebte Partizipation als Kommunikation im besten Sinne. Als „Work in progress“ ein „Amuse-Gueule“ und Vorgeschmack auf das, was als „Inszenierter Relaunch“ dereinst über die Monitore des global-digitalisierten Village flimmern wird.
Die Botschaft ist freilich schon heute klar: „Ein Kunstwerk (neutraler: ein Produkt) ist nur dann wirklich gut, wenn es etwas atmet von der Qualität seines Schaffensprozesses.Ihm verdankt es letztlich Gestalt und Gehalt. Alles andere sind zum bloßen Artefakt erstarrte, finale Stoffwechselprodukte. Ergebnisse „ge-useder Waschung“ eben.
Der „inszenierte Relaunch“ bei lingner.com lässt also hoffen.

“Ignoranz einem dilettierenden Marketingadepten oder bewusste Verwirrungstaktik einem ausgebufften Werbestrategen.“
Ich trage dies mit Fassung und entscheide mich für Variante B “bewusste Verwirrungstaktik“
Toller Artikel! Und ich werde heute meine Hosen waschen.