Stellen Sie sich - und zwar vor, Sie lägen frohgemuts in Ihrem feuchten Grabe und könnten nicht anders. Und während Sie so liegen, begänne eine Vision sich Ihres inneren Friedens zu bemächtigen, Sie zu beunruhigen, Sie buchstäblich zu quälen: Die Vision nämlich betriebsamer, sich solchermaßen ihre Trauer betäubender Freunde und Verwandten, wie sie sich - Aasgeiern gleich - über Truhen, Schränke und Datenträger hermachen, die in sich bergen, was Ihnen im Leben lieb und teuer war: Ihre geheimsten Gedanken, Ihre Laster und Obsessionen, Ihre Geistesblitze. Kurzum: Ihr Herzblut.
Sie, Sie ganz persönlich, Sie, als auf die Vergänglichkeit zurückgeworfener und vom schöpferischen Geist verlassener Körper wären dazu verdammt, tatenlos zusehen zu müssen, wie Sie sich - angesichts und in stetem Angedenken Ihrer Lieben - post mortem/prae morte - zu verändern beginnen: Aus dem treuen Gatten würde vielleicht unversehens der Don Juan; aus Paulus Saulus, aus dem Mildtäter der Triebtäter.
Sie könnten sich zwar nun, falls sie es noch könnten, pausenlos im Grabe wälzen; allein: Sie hielten die Entwicklung nicht auf; stünden achtlos einer historischen Metamorphose, einer Veränderung Ihrer Fremdwahrnehmung, gegenüber, die Sie ein Leben lang emsig zu verhindern bemüht waren. Doch es nützt alles nichts: Die Festplatte lügt nicht. Und auch nicht der Koffer mit den alten Briefen und den vergilbten Tagebüchern.
Damit es so weit erst gar nicht kommt, damit Sie sich in der Unendlichkeit Ihrer Endlichkeit niemals Ihres verblichenen So-(Gewesen)-Seins zu schämen bräuchten, gibt es derzeit - so profan es auch klingen mag - ein probates Mittel: das Internet. Abstrakter: die neu erworbene Chance individueller und dennoch grenzenloser Selbstoffenbarung. Stehen Sie zu sich! Mit Ihren Stärken und Ihren Schwächen. Und zwar schon zu Lebzeiten. Stellen Sie alles ins Netz, was Sie ausmacht! Befreien Sie sich vom ohnehin schon verratenen Ideal einer „vita privata“, die es so nicht gibt und die es so noch nie gegeben hat. Werden Sie endlich Herr des Verfahrens. Zu Lebzeiten. Befreien Sie sich von der Willkür der ungebetenen Exegeten ihres Lebens und ihren falschen Expertisen! Nehmen Sie ihnen endlich die Butter vom Brot!
Das Schreckgespenst vom Gläsernen Menschen ist doch nichts als eine Schimäre. Kapieren Sie das endlich! Die gewaltenteilig institutionalisierte Sorge um Ihre persönlichen Daten nichts anderes als das - zugegebenermaßen - hübsche Mäntelchen aus der Hand letztlich doch nur herrschaftlich motivierer Machtstrategen, das vorgibt, Sie zu wärmen, Sie tatsächlich aber nur isoliert.
Fassen Sie endlich den Mut und lassen Sie sie runter, diese längst brüchig gewordene Hose, gewoben aus dem seidenen Faden einer Illusion, die da heißt: Schutz der Persönlichkeit. Sie, der „homo politicus“, daheim allein im stillen Kämmerlein - selbstgenügsam im eigenen Safte schmorend? Verkannt und verlassen als „homo incognitus“?
Hand auf die Stelle, unter der gemeinhin ein liebend Herz kraftvoll pochend vermutet wird: Was eigentlich wollen Sie schützen? Sind nicht alle Ihre Gedanken, Ideen und Taten Werts genug, sie final öffentlich zu machen? Die Welt teilhaben zu lassen an der Fülle dessen, was Sie (und sie) bewegt? Und sei es noch so „deviant“?
Gibt die Herrschaft nicht etwa nur deshalb vor, Ihre Daten schützen zu wollen, um dann umso ungestörter und exklusiv auf sie zugreifen zu können? Schlagen Sie diesem mörderischen Mechanismus endlich ein Schnippchen. Stoppen Sie den „circulus vitiosus“, bevor er Sie stoppt. Und zwar letal. In Ihrer Dynamik gebremst hat er Sie schon zu lange!
Das Netz, dieser begnadete Daueraufreger, wandelt sich: Die einstige Gießkanne ehedem sorgsam gehüteten Herrschaftswissen mutiert zum Füllhorn eines kollektiven Weltwissens. Freilich nur, wenn Sie es auch schonungslos füttern.
Anders ausgedrückt: Die Informationsfreiheit beginnt endlich einzuklagen, was sie erst eigentlich hätte konstituieren und legitimieren müssen: die Publikationsfreiheit nämlich.
Publizieren, schreiben als seine Voraussetzung, ist selektieren. Sich informieren auch. Die Spreu vom Weizen trennen. Sie werden das lernen. Mit Hochgenuss. Sie können das, wenn Sie es nur wollen. Das Netz sei Ihr Medium. Und Remedium gegen die schlaflosen Nächte der Angst und des tödlichen Grauens. -rip-

Bullshit² und traurig. Schöne neue Welt…
Lieber ‘Neil Postman’ (Pseudonym est Omen!): Überaus qualifiziert, Dein Kommentar- im Quadrat! Aber: darf’s nicht vielleicht etwas fundierter sein?
Albrecht Schnepf