18 Februar 2010 Tobias Hurrle

Die Corporate Website ist tot,es lebe…

…die Corporate Website.
So oder so ähnlich lesen sich zahlreiche Quo Vadis Corporate Website Artikel.

Doch ist die Corporate Website wirklich tot?

Ich meine Jain!

//Dieser Artikel ist Teil unseres “BlogCountdown Experiments”: Kollege Christian Laurin und ich haben jeweils 60min Zeit einen Blogartikel zu verfassen. Die Uhr tickt.//

Es  gibt sie, die extremen Ansätze: Weg von der Webseite hin zur bloßen Markenkoexistenz im Social Web.
Sprich die Marke im Netz ist nur noch das, was der Nutzer sagt was die Marke ist. Warum dann dem Kunden nicht auch auf der Corporate Website das Feld überlassen?

Als Beispiel dafür z.B. muss oft die Seite von BooneOakley herhalten, deren Website sich komplett in einem Youtube Video abspielt.
Oder der Süßwarenhersteller Skittles der seine Website nur noch als eine art “Social Media Hub” verstand. Verstand?
Ja denn offensichtlich ist dieses Experiment beendet. Nur noch nutzergenerierte Inhalte auf den eigenen Seiten zu zeigen mag auf Dauer nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein.
Langweilig wird es bei Skittles.com dennoch nicht: Die Website ist nun eine “Endlosschleife” mit allerhand schrägem Content der die Nutzer zum Teilen der Inhalte in Social Networks einladen soll.

Ist die Corporate Website also doch nicht tot?
Nein, aber die klassische Corporate Website ist auch alles andere als lebendig.
Schon 2007 schreibt der Blog Web-Strategy

The corporate website is an unbelievable collection of hyperbole, artificial branding, and pro-corporate content. As a result, trusted decisions are being made on other locations on the internet

Dieser kontroversen Ansicht will ich nicht folgen:
Das obige mag vielleicht für die klassischen Corporate Websites gelten, deren Inhalt wenig mehr als die Firmenbrochure darstellt. Aber selbst das halte ich für legitim.
Schließlich erwartet auch niemand das Visitenkarten aufzählen was man alles nicht ist und nicht kann.

Ich teile hier vielmehr die Meinung von Stephan Eichenseher der schreibt:

Die Corporate Website ist lebendiger Ankerpunkt für die Interaktion mit den verschiedenen Nutzergruppen im Netz.

Moderne Markenführung im Netz ist demnach weit mehr als das Gestalten einer schicken Corporate Website.
Heute noch ist die Suche Ausgangspunkt annähernd 90% aller Webaktivitäten. Marketingabteilungen tun also Recht daran ein Auge auf die Suchmaschinen Platzierung zu haben.
Aber was, wenn die Suchmaschinen an Bedeutung verlieren, so wie einst die Portale der Telkos ihre Relevanz als Einstieg ins Netz verloren?

Aber genau hier könnte meines Erachtens auch der Paradigmenwechsel stattfinden:

In manchen Bereichen beginnt Facebook Google als Top Referrer den Rang abzulaufen. Schon jetzt ist Facebook unter den Top5 der meistbesuchten Webseiten der Welt.
Nach Inhalten im Web wird in Zukunft vielleicht weniger gesucht werden, sondern wir lassen uns von Empfehlungen durchs Netz treiben.

Aus dem Englischen taucht in diesem Kontext häufig der Begriff “Serendipity” zu dt. Serendipität auf. Also frei übersetzt das eher beiläufige, zufälligen aufstöbern relevanter Information ohne das aktiv danach gesucht wird.
(Der Begriff “Serendipity” wurde 2004 zu einem der Top10 am schwierigsten zu übersetzenden Begriffe gewählt. Auch ich mache hier eine unglückliche Figur)

Abstrakt? Ein Beispiel.

Früher:

Vor ein paar Jahren hatte ich mir eine umfangreiche Sammlung von RSS-Feeds abonniert. Diese informierten mich über das neueste aus ca. 200 unterschiedlichen Quellen im Netz.
Ich verbrachte viel Zeit damit, mir aus dem Strom der eingehenden Headlines das interessanteste herauszupicken.  Fand ich etwas interessantes informierte ich Freunde und Kollegen per Email.

Heute?

Heute weist dieser Reader tausende ungelesener Einträge auf. Seit ich Twitter nutze ist der Reader auf dem Abstellgleis.
Auch über Twitter bekomme ich jeden Tag hunderte Nachrichten zugespielt. Nur wenn ein Tweet mein Interesse weckt lese ich den verlinkten Artikel.
Wo ist der Unterschied?
Der Mensch hinter dem Tweet macht den Unterschied. Im Laufe der Zeit lernt man die Absender einer Nachricht immer besser kennen. Wenn  @twilfgang etwas zum Thema Innovation schreibt finde ich das in 9/10 Fällen hilfreich.
Je intensiver man einen Twitterati kennenlernt, desto eher kann man einschätzen ob die Informationen die er für einen bereithält nützlich sein könnten. Gerade deswegen ist der so oft als “Noise” titulierter private Anteil von Tweets nicht einfach Müll.
Es hilft die Person hinter dem Account kennen zulernen und einzuschätzen.
Technokratisch ausgedrückt nutze ich auf Twitter also Menschen als Filter. Habe ich diese Filter richtig gesetzt, werde ich schon alles was für mich relevant ist mitbekommen.  Etwas paradox aber es ist für mich “geplante Serependipität”

Der geneigte Leser merkt. Ich bin etwas vom Thema abgekommen, und die Stunde die ich mir für diesen Blogartikel reserviert habe ist längst ins Land gegangen.
In aller Kürze 5 Thesen:

1. Die Corporate Website ist nicht tot.

2. Die Corporate Website ist zentraler Ankerpunkt für alle Webaktivitäten eines Unternehmens

3. Auch die hochglanz Visitenkarte im Netz hat (noch) ihre Berechtigung.

4.Wer wirklich im Gespräch sein will, muss die Nähe zu den Nutzern suchen. Die sind auf Facebook und Co.

5. Zukünftige Besucherströme werden durch Gespräche und auf Empfehlung von Menschen auf Ihre Seite gelangen.

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