Zynismus pur: Auf der bundesrepublikanischen Betroffenheitsskala droht die Sommerfarce um Googles „Street View“ der Flutkatastrophe von Pakistan buchstäblich das Wasser abzugraben. Und bräche nicht hin und wieder ein weiterer Damm, müssten nicht erneut hunderttausende Opfer evakuiert und verpflegt werden - „Street View“ wäre unangefochtener Star des Sommertheaters 2010. Doch das Bild der Katastrophe lässt sich nicht so leicht verpixeln; gegen seine Veröffentlichung existiert kein Titel. Ein Grund mehr, das Phänomen „Street View“ einmal, wenn auch unzensiert, unter die Lupe zu nehmen.
Um mit dem Fazit zu beginnen: Der datenschützlerisch verbrämte Aufschrei gegen den - in anderen europäischen Ländern längst erfolgreich installierten - Google-Service ist heuchlerisch; heuchlerisch deshalb, weil seine Kritiker einen Kreuzzug inszenieren, der„Street View“ sagt und „Internet“ meint, während die selben Glaubenskämpfer (um nur ein Beispiel zu nennen) sozialen Almosen in Form von Bildungs-Chipkarten für Hartz-IV-Kinder schamlos das Wort reden.
Und noch eins sei vorausgeschickt: Moralisch möglicherweise ohnehin Verwerfliches mit noch böswilligeren Verfehlungen relativieren zu wollen, gilt methodisch zwar nicht als besonders elegant, ist aber ein äußerst tauglicher Prüfstein für die Verhältnismäßigkeit jedweder Kritik:
Die reale Welt lässt sich nun mal nicht so leicht verpixeln, und jeder mit normaler Wahrnehmungsbegabung ausgestattete Passant in den Straßen unserer Städte nimmt mehr visuelle Eindrücke auf, als sie der größte Großrechner jemals speichern könnte. Mehr noch: Er wird diese Informationen modifizieren, vielleicht kolportieren und bestenfalls zum Stoff verarbeiten, aus dem die so genannte „Fiktionale Literatur“ gestrickt ist. Wer schreit hier eigentlich nach Schutz der Privatsphäre (für die Fassade von „Oma‘s kleinem Häuscken“)? Welcher Verlag fragt die baulichen und menschlichen Statisten seiner Bildbände schon um Erlaubnis („Recht auf‘s eigene Bild“), wenn er seine fotografischen Veduten auf den schnellen Schnäppchen-Markt wirft?
Besonders augenfällig wird die Heuchelei dann, wenn der kritische Käufer solcher Produkte an der Kasse die Kreditkarte zückt und gleichzeitig Sturm läuft gegen die harmlosen Google-Bildchen aus öffentlicher Zwei-Meter-Vierzig-Perspektive beim Blick über den Gartenzaun?
Hier drängt sich ein schrecklicher Verdacht auf: Es geht zwar unbestritten um Datenschutz, jedoch um den Schutz solcher Daten, die längst gesammelt sind: ob von den Nachrichtendiensten, den Finanzbehörden oder von den Schwarzarbeitsfahndern. Dem Staat also. Verteidigt wird hier kein Bürgerrecht, sondern das Daten-Sammel-und-Daten-Erheben-Monopol, strukturell nicht unähnlich dem des allseits akzeptierten, staatlichen Gewaltmonopols. Macht ist nicht länger nur ökonomische Macht. Macht ist Verfügungsgewalt über Daten. Ihre Grundvoraussetzung.
Und: Kommunikation (einschließlich ihrer technischen Voraussetzungen) ist Macht und in ihrer von Social Media gepushten Tendenz zur Vertikalität unberechenbar. Ergo: gefährlich. Wo sich Karl-Theodor mit Sahra bei Facebook duzen und die Community dabei zuschaut, da fallen bald noch ganz andere Autoritätsschranken und beginnen, uns eine Welt des grenzenlosen Egalitarismus‘ zu erobern.
Kommunikative Kompetenz ist nicht zuletzt das Ergebnis von permanentem, eisernen Training. Das „www“ die ideale Spielwiese und effizientes Versuchslabor.
Das klassische Internet (web 1.0) bescherte großen Teilen der Menschheit Zugang zu (mehr) Information (= potentiellem Wissen); das web 2.0 macht seine User vertikal-diskursiv. Multimedial. Spielerisch. Und kreativ. Darin liegt die eigentliche Gefahr. Jedenfalls für diejenigen, die diese Kulturtechnik bislang als ihr Privileg betrachteten.
