Über den digitalen Wandel der Kreativwirtschaft debattieren auf dem #CWF09 Matthias Ulmer (Eugen Ulmer Verlag), Harald Baur (MAXmedien GmbH/good!movies) und der legendäre Prof. Tim Renner (Motor Entertainment). Dr. Carsten Ulbricht (DIEM & PARTNER) befragt die drei Vertreter der Verlags-, Film- und Musikbranche, wie sie den aktuellen Medienwandel in Zukunft meistern werden.
Es geht um die Frage, wie auch 2010 mit kreativer Arbeit Geld verdient werden kann. Da digitale Vertriebskanäle omnipräsent und nutzergenerierte Inhalte kollektiv verfügbar sind und es noch keine Regelung zum Schutz des geistigen Eigentums im Netz gibt. Folgende Charakteristika beschreiben die digitale und mobile Mediennutzung: permanentes Daten-Sharing, Suchmaschinen als Gatekeeper, sozial, frei, konnektiv und kommunikativ. Die zunehmende Explosion der Medieninhalte verschärft den Konflikt zwischen – ganz plakativ ausgedrückt – Urheberrecht und Anarchie. Fazit: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.
Das digitale Zeitalter wird demnach vom „sharing“ und den dazu passenden kollaborativen Werkzeugen bestimmt und geprägt. Wobei immer neue technologische Entwicklungen immer neue Opportunitäten schaffen, so Ulbricht. Schon jetzt nimmt das Gefühl des permanenten „zu spät sein“ überhand. Die derzeitige Überforderung mit der digitalen Welt beschreibt auch Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch Payback anschaulich. Worauf Sascha Lobo eine sehr lesenswerte Antwort gibt.
Tim Renner betont, dass sich die Geschichte gerade wiederholt, das Radio hätte 1928 auch eine Krise erlitten, als das Fernsehen langsam gesellschaftlich relevant wurde und sich die medialen Gewohnheiten der Wahrnehmung schlagartig veränderten. Ein neues Medium gebärt einen neuen Konsumenten. Gleiches passiert derzeit mit den Hörgewohnheiten von Musik auf digitalen Plattformen oder mobilen Endgeräten. Der Konsument hört nicht mehr linear, sondern selektiv. Er muss sich kein Album – das Baby der Musikindustrie in Hochzeiten der CD – mehr schön hören, sondern kann seine Playlist voll mit Lieblingsmusik packen.
Erst als das Dateiformat MP3 2001 auf das sexy Endgerät „ipod“ trifft, beginnt sich die Bedeutung des Trägermediums CD langsam aufzulösen. Und die Musikindustrie bekommt ein Problem. Dieses Problem eines praktikablen Endgeräts stellt sich der Verlagsindustrie momentan noch nicht – der Kindle ist für das Medium Schrift noch nicht handy genug.
Ein weiteres Problem der Kreativbranche ist, dass das illegale Angebot und die illegalen Möglichkeiten der Distribution besser und schneller sind, als die legalen Angebote. Hier müssen sich die einzelnen Branchen verbessern. Das Rat Race kann nur gewonnen werden, wenn man Inhalte, die von Konsumenten gewünscht werden, auch anbietet.
Darüber hinaus müssen neue Geschäftsmodelle im Netz absolut serviceorientiert sein, d.h. einfach zu verstehen und zu benutzen. Und beides zusammen zu einem fairen Preis. Dem Nutzer muss der Nutzen der Inhalte so einfach wie möglich gemacht werden. Letztlich wird es zukünftig der beste Service sein, für den der Nutzer auch bereit ist zu bezahlen. Die Kreativindustrie muss eine Dienstleistungshaltung einnehmen, wenn sie marktfähig bleiben will. Das versäumte die Musikindustrie, die den Nutzer im Zuge der neuen digitalen Möglichkeiten im Netz kriminalisierte und sich dadurch Sympathiepunkte verspielte.
Auf die Frage, ob das Urheberrecht abgeschafft werden soll? Antwortet Matthias Ulmer mit einem konsequenten „natürlich nicht“, auch wenn sich die Diskussion heute und in der nächsten Zeit, um den Umgang mit freien Inhalten drehen wird. Auch sieht er von einer Flexibilisierung des Urheberrechts oder einer Ausweitung des Urheberrechtes in Richtung eines Leistungsschutzrechtes oder eines Datenbankschutzes ab. Die gegenwärtigen Gesetze reichen für den Schutz des geistigen Eigentums vollkommen aus. Schwarzkopien und Raubdruck seien so alt wie der Buchdruck bzw. die Verlagswirtschaft selbst und nicht das Problem. Das Buch wird bleiben, so wie das Radio geblieben ist. Nur die Buchhandlungen, die wird es vielleicht längerfristig nicht mehr geben, prognostiziert Ulmer.
Beim Kampf um den Schutz geistigen Eigentums wird auch der Ruf nach einer Kulturflatrate immer lauter -
im Falle einer Kulturflatrate besteht der Konsens, dass das reale Marktverhalten nicht außer Kraft gesetzt werden darf. Die Einnahmen einer Kulturflatrate müssten gerecht und im Sinne der Marktwirtschaft verteilt werden. Sobald das Marktverhalten wankt, liegt die Kreativität flach und es herrscht künstlerischer Stillstand.
Ebenso zieht die Runde Micropayment-Modelle in Betracht, die der Spontanität und Schnelligkeit der Nutzer gerecht werden und sehr wenig kosten. Ebenso einig ist man sich darüber, dass der physische Kauf nicht verschwinden wird – das Phänomen Kauf-CD, Kauf-DVD bleibt auch weiterhin bestehen.
Die große Chance der Branchen Verlag, Film und Musik liegt in der „convenience“, in der bestmöglichsten Aufbereitung ihrer Inhalte, um sie dem Nutzer in adäquater Form zur Verfügung zu stellen. Denn die Auswahl wertvoller und relevanter Inhalte wird immer wichtiger, da durch die Demokratisierung der Digitalisierung jeder alles kann. Jeder schreibt. Jeder musiziert. Jeder filmt. Allerdings wollen nicht alle gelesen, gehört oder gesehen werden. Hier braucht es ein wirkungvolles System der Selektion und Beratung. Die Aufbereitung der Inhalte für eine interessierte Nutzergemeinschaft wird das A und O für 2010 und die Zukunft. Durch die Digitalisierung wurde der Vertrieb entmachtet und der Lektor gekrönt. Der Nutzer soll Informationen so bekommen, wie er sie auch wünscht. Auf den Punkt, kurz und präzise.



Vielen Dank für die gute und kurzweilige Zusammenfassung, die ich mit Interesse gelesen habe (obwohl ich ja dabei war ;-) ).
Beste Grüsse
Carsten Ulbricht
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