21 April 2015 Stefan Lingner

Industrie 4.0, digitale Revolution und das Internet der Dinge: Eine Einordnung von LINGNER.COM

(Lesedauer: vier Minuten)

Man könnte meinen, über das aktuelle Buzzword „Industrie 4.0“ werde bereits viel geredet. Doch mehrere Studien zeigen in eine andere Richtung. Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Digitalverbands BITKOM in den industriellen Kernbranchen Automobilbau, Maschinenbau, chemische Industrie und Elektroindustrie haben die Führungskräfte von gut jedem dritten Unternehmen (32 Prozent) noch nichts über Industrie 4.0 gehört oder gelesen. Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen halten die eigene Branche für zu zögerlich bei der Digitalisierung. Als Begründung hierfür nennt mehr als die Hälfte der Unternehmer mitunter die hohe Komplexität des Themas.

Wo Industrie 4.0 ist, sind die nicht minder komplexen Begriffe intelligente Fabrik, digitale Transformation und Revolution nicht weit. Wie auch das Internet der Dinge, cyber-physische Systeme oder Mass Customization.

Wie sind diese Schlagwörter einzuordnen? Wie hängen sie zusammen?

Industrie 4.0

Die Bezeichnung „4.0“ bezieht sich auf die vorausgegangenen drei Revolutionen, denen die Industrie 4.0 als vierte Revolution oder digitale Revolution folgt.

 

Digitale Revolutionen

 

Mit jeder dieser vier Revolutionen wurden die Qualität und Quantität der Produktion erhöht. Die Standards wurden mehr oder weniger vollständig umgekrempelt. Ähnliches soll jetzt die digitale Revolution bringen. Die Veränderungen und Herausforderungen, die dabei in den Unternehmen anstehen, werden als digitale Transformation bezeichnet.

Und Deutschland soll von der Digitalisierung kräftig profitieren: Laut einer BITKOM-Studie sind allein in sechs volkswirtschaftlich wichtigen Branchen bis zum Jahr 2025 Produktivitätssteigerungen in Höhe von insgesamt rund 78 Milliarden Euro möglich.

Die deutsche Bundesregierung will mit dem gleichnamigen Zukunftsprojekt „Industrie 4.0“ die Einrichtung des Konzepts der intelligenten Fabrik vorantreiben. Die „smart factory“ oder „vernetzte Fabrik“ soll die deutsche Wirtschaft für die Zukunft rüsten. Technologische Grundlage dieser Vernetzung sind cyber-physische Systeme und das Internet der Dinge (Erklärungen weiter unten).

Industrie 4.0, digitale Revolution und das Internet der Dinge: Eine Einordnung von LINGNER.COM

Die intelligente Fabrik

Als konkretes Umsetzungsbeispiel der Industrie 4.0 wird häufig das Konzept der intelligenten Fabrik angeführt. In dieser kehren sich die Produktionsabläufe, wie wir sie bislang kennen, ins Gegenteil: Bislang bearbeitet die Maschine den Produktrohling auf vorprogrammierte Art und Weise, in Zukunft soll der Rohling, bzw. ein Sensor darin, der Maschine sagen, wie er bearbeitet werden will. Alle nötigen Informationen zum Produktionsablauf, wie etwa Farbe, Form, Lieferort sind auf im Produkt selbst gespeichert. Die dahinterliegende Technik wird auch „Embedded Systems“, „eingebettete Systeme“ genannt.

Durch den Sensor ist das Produkt mit allen Maschinen und dem Internet vernetzt und findet selbstständig seinen Weg durch die Produktion. Idealerweise geht das Produkt auch erst in Auftrag, wenn es eine entsprechende Nachfrage gibt. Die Entwicklung geht also weg von der Massenproduktion eines Designs, hin zur individuellen bedarfsabhängigen Produktion, auch „Mass Customization“ genannt. Dies gilt für B2C wie B2B Unternehmen: Der Kunde und/oder der Geschäftspartner wird in die Wertschöpfungskette integriert.

Die intelligente Fabrik ist also wandlungsfähiger und ressourceneffizienter als die klassische Produktion. Ihre realen Systeme (Produktrohling/Maschine) sind mit den virtuellen (Machine-to-Machine-Kommunikation/Daten aus Internetclouds) verbunden und bilden auf diese Weise cyber-physische Systeme.

Internet der Dinge

Cyber-physische Systeme bilden das Grundgerüst des Internet der Dinge. Dieses wird sich voraussichtlich auf sämtliche Branchen ausweiten – der Begriff Industrie 4.0 bezeichnet dabei lediglich das Szenario betreffend des verarbeitenden Gewerbes.

In den anderen Branchen gibt es zum Beispiel folgende Umsetzungen:

  • Automobilbranche: eCall (Notrufsystem, das automatisch Unfälle meldet), connected car (W-LAN im Auto, informiert z.B. über Unfallwarnungen), On-Board-Diagnose für Sicherheitswarnungen, selbstfahrende Fahrzeuge
  • Versorgungsbranche: Smart Home (Automatisierung und Fernsteuerung von Strom, Heizung etc., Kühlschrank bestellt automatisch Milch nach)
  • Gesundheitswesen/Fitness: eHealth (z.B. datenbasierte Diagnosen, Fernüberwachung der Vitalwerte von Patienten, Fitness-Wearables)
  • Transport und Verkehr: Paketverfolgung, Transportdrohnen
  • Städte: Smart City (Datenanalyse in Echtzeit regeln den Verkehr, machen Wasserversorgung effizienter, sparen Ressourcen)
  • Handel und Logistik: Supermärkte füllen ihre Bestände je nach Bedarf auf, Kunden übermitteln Einkaufsliste per App an Einkaufswagen

 

Eine eindrückliche Erklärung des Internet der Dinge gibt dieser TED-Talk:

 

 

Der Mensch im Zentrum

Im Zentrum der Digitalisierung steht bei allen technologischen Aspekten der Mensch – und dieser hat heute höhere Ansprüche an Unternehmen als früher, sei es B2C oder B2B. Durch digitale Medien und Netzwerke sind wir viel informierter als früher und wissen, welche Geschwindigkeit und welche Qualität wir von Unternehmen erwarten können. Die Performance eines Unternehmens in den Social Networks hat heute Einfluss auf dessen Geschäftserfolg und Reputation. Immer mehr Startups wie Uber oder Airbnb begeistern und setzen neue Maßstäbe.

Diese und andere Punkte führen dazu, dass Kunden, Partner, Interessenten mehr Einfluss auf den Geschäftserfolg eines Unternehmens haben als früher. Daher sollten sich auch B2B-Unternehmen, die bislang nicht über den Menschen am Ende der Wertschöpfungskette nachgedacht haben, mit ihm beschäftigen. Ebenso sollten sie auch den gestiegenen Anspruch von Geschäftspartnern nicht unterschätzen.

 

Links zum Thema Industrie 4.0:

 

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